Was ich in Menschen sehe …

Ich blicke in Dein Gesicht, sehe Deine Taten, Deine Gefühle, eines Teil Deines Inneren. Vielleicht nur, da versteckst Du es, vielleicht auch gelingt es Dir. Aber manchmal, da besitze ich die Gabe der Empathie. Ich fühle, was Du fühlst, gefühlt hast, fühlen wirst. Ich blicke Dich an und sehe mich. Das was ich einmal war, das was ich sein könnte, das was ich sein werde oder niemals sein will. Ich blicke Dich an und erkenne in Dir das Spiegelbild meiner selbst. Es ist egal, wer Du bist. Egal, was Du tust, erreicht hast oder erreichen wirst. Wir sind gleich, in genau dieser Sekunde.

Eltern blicken ihre Kinder an und sehen ihre eigenen Träume in ihnen weiterlebend. Das, was sie niemals gewagt oder geschafft hätten, genau das, werden diese erfüllen. Oder aber, alle Fehler, die sie begangen haben, werden eben jene nur wiederholen. Sie wollen bewahren, sie wollen schützen und abwenden. Aber so oder so, lernt jeder nur alleine selber. Und so wiederholt es sich um Zyklus, um Jahr und nur immer und immer wieder.

Ich sehe den Penner auf der Parkbank. Ich weiß nichts um sein Schicksal. Ich weiß nicht, was ihm widerfahren oder geschehen ist. Hat er selber Schuld oder hat einfach das Leben all seine Ungerechtigkeit über ihm ausgegossen? Ich werde es nie erfahren und weiß doch, in anderen zufälligen Begebenheiten, da könnte ich jetzt er sein. Wir treffen Entscheidungen, wir wählen und kämpfen und geben niemals auf. Aber manchmal, da trifft uns das Leben mit solcher Kraft, dass auch wir uns nicht wehren können. Opfer der Zufälle, der Ausgleich einer Gleichung, die Gesellschaft im Gleichgewicht hält.

Ich sehe den Star dort oben auf dem Plakat. Ein Idol, ein Vorbild, ein Leitbild für die strömenden Güsse einer Menschheit. Und ich weiß, in anderer Zeit, vielleicht auch Zukunft, da könnte auch ich das sein. Ich könnte kämpfen, niemals aufgeben und vom Glück eine übergroße Portion bekommen. Und schon bald darf ich mich in der Verantwortung sehen, den Menschen ein Vorbild zu sein. Vielleicht verkaufe ich mich für das schöne Geld? Vielleicht aber nutze ich auch die Chance, um der Gerechtigkeit genüge zu tun? Ich zeige und beweise, dass ich nur ein Jedermann bin, der auch eben nur Jeder sein könnte? Schicksal als auch Zufall wieder nur, werden es als bald offenbaren.

Ich sehe die junge Frau, wie sie in die Arme ihres Partners sinkt. Der Kuss, so innig, so tief, voll der dargebotenen Verletzlichkeit. Und ich weiß, schon oft, da war ich dieser Partner. Und noch öfter, da werde auch dies wieder nur sein. Der Teil eines Ganzen, ein halbes der niemals geteilten, das sich da Liebe schimpft.

Schluchzend krampft es sich am See zusammen. Zerknüllt den Zettel des Abschiedes und schmeißt ihn voller Trauer und Wut in das schäumende Wasser. Die Schwäne kommen heran, wissen nicht, dass dort Abfall einer Trennung hinweg geschleudert wurde und nicht Kost ihrer freien Natur. auch das, war ich schon oft und werde es ebenso nur immer sein. Denn wer wagt, gewinnt und schützt sich doch vor dem Schicksal des Verlierens niemals. Der Preis für das Wagnis einer Liebe, ist oftmals Schmerz, Trauer, Einsamkeit und auch verletzte Gefühle. Wir wissen darum und wagen es dennoch nur immer wieder.

Ich blicke in unendliche Spiegelbilder. Jeden Tag und unendlich oft aufs Neue. Dort etwas Verlorenes, dort etwas Gewonnenes. Hier das Glück und dort die Trauer oder auch die graue Betriebsamkeit. Ein jedes Mal, erblicke ich mich. Was ich war, was ich sein könnte, was ich sein werde und doch vielleicht auch niemals.

Ich kann nichts dafür, denn ich bin ein Mensch unter Menschen. Eine Seele unter Seelen. Ein Gefühl unter Gefühlen. Ein Mix aus Existenz und höherer Berufung. Vielleicht bin ich Du, oder aber auch Du nur ich? Oder im Grunde, am Kern des Innern, sind wir doch alle gleich.

Ist es dunkel, ist es hell, ist es reines eigenes Empfinden. Für einen eine Hölle, für den Anderen, der nichts Besseres kennt, der Himmel.

Nun, ich urteile nicht und niemals.

Wie könnte ich?

Ich verurteilte doch nur mich selber?

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