Im Zwielicht – Part 1

Er konnte nicht sagen, was es war, dass ihn aus dem Schwarz der wirren Bilder gezerrt hatte. Gerade eben noch, war er dort gewesen. Jetzt nur noch … hier ….

Im Dunkel einer Nacht, den Schatten einer gespenstischen Stille und einem Moment, den er nicht zuordnen konnte. Wichtig, eher nur unbedeutend war nur die Tatsache, dass er urplötzlich hell wach war. Es war dieses Gefühl, das ihn störte. Dieses glasklare, einschneidende Gefühl, dass irgendetwas absolut nicht stimmte.

Und nun saß er aufrecht im Bett des Hospitals und lauschte der Ruhe seines hämmernden Herzschlags. Es war ruhig ….

Zu ruhig ???

Das konnte er in der ersten Nacht so nicht sagen. Und dann fand er den ersten Fehler, des sonst nur natürlichen Bildes.

Die Tür zum Zimmer war nur angelehnt.

War sie vorher geschlossen gewesen ???

Mit Sicherheit !!!

Er zog die Bettdecke bis zum Hals und versuchte nun in der Erinnerung nach dem Beweis zu angeln, der es ihm erlauben würde, einfach wieder beruhigt einzuschlafen. Sich erleichtert in die Muße der Träume fallen zu lassen.

Sein Verstand tat ihm den Gefallen nicht und so …

musste er wach bleiben.

 

Sekunde,

Minute,

Wieder Sekunde

um Sekunde.

 

Bis er einfach wusste, dass er den Klauen der Angst nur im Angriff begegnen konnte.

Er musste aufstehen !!!

Und so schob er sich unter der Bettdecke hervor. Vorsichtig, zaghaft, langsam, wie die Frau in der Küche sich einem Ungeziefer nähern würde. Sein Ungeziefer sah er noch nicht, es war verhüllt in Schatten und Dunkel, aber dennoch konnte er es in tausend knisternden Haaren auf den Armen spüren, als er nur daran dachte. Und sogleich zuckte der gerade in Eifer und Angriffslust hinausgestreckte Fuß wieder zurück unter die Bettdecke.

Hatte ihn etwas berührt ???

Gestreift ??

War an den nackten Zehen vorbei geglitten ??

Ein erneuter Schauer überfiel ihn, ging tiefer an den Grund der bereits erschreckten Seele.

Er versuchte sich zu ermahnen, zurecht zu weisen, in die Schranken der Vernunft zu zwängen.

Aber …

Es half nicht …

Die Vernunft, der reine Verstand, nahm Abstand und versteckte sich hinter den dunklen Vorahnungen und alles beherrschenden Ängsten, die er bis dato so nur und in voller Wucht, noch nie erleben durfte.

Die Zeit verstrich weiter, während er im Schutz der Bettdecke zusammen gekauert nur da saß und die angelehnte Tür beobachtete.

Es geschah nichts. Nichts passierte, dass ihn von seinem Schicksal befreien konnte. Und so wagte er es erneut, weitaus vorsichtiger, mit bis zum Anschlag gespannten Muskeln und schob den Fuß unter der Decke hervor. Ein wohliger Schauer durchfuhr die Fußsohle, als sie auf dem blanken Parkettboden landete. Erneutes Warten von ein paar Sekunden, zur Sicherheit (wohlgemerkt) und der zweite Fuß folgte.

Trotz der anfänglichen Angst, der schlotternden Gliedmaßen auch ohne das passende Gespenst, stand er kurze Zeit später neben dem Bett. Nicht selbstsicher, nicht selbstbewusst …

Wie denn auch ?

Es war so finster, dass er nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte und er stand da, hilflos wie ein Kleinkind. Innerlich versuchte er sich zusammen zu reißen.

Und für Sekunden erneut …

gelang es diesmal.

Diesmal stand eine weitaus größere Stufe, ein Hügel zu erklimmen, vor ihm. Die Lethargie war es, die ihn gefangen hielt. Die Furcht, die Angst, die dunkelste Vorahnung, kettete ihn an den zögernden Stillstand. Aber die Unwissenheit alleine verschweißte die Sekunden zu einem Vakuum nie endender Zeit. Er war weiter als vorher jemals und doch … im Blick nach vorne der ihm nur die Dunkelheit erschloss, stand er an der sprichwörtlichen Klippe zum Abgrund.

Irgendetwas würde ihn gleich empfangen. Angst, Schrecken, Panik, Erleichterung oder sogar die Heiterkeit?

Er durfte nicht wählen, nur das Ergebnis betrachten, willkommen heißen. Ein Gefangener der Umstände, deren Ergebnis seine Zelle werden würde.

Schwarze, bedrückende Gedanken der dunklen Nacht und äußerlicher Stille …

Stille …

Es stimmte. Er hatte noch nichts gehört. Ein im Grunde beruhigender Umstand.

Sollte es sein …

Aber …

Es beruhigte ihn innerlich nicht.

Dennoch erfüllte er die Rolle, deren Weg er bereits eingeschlagen hatte. Er überwand sich, die knappe Entfernung zur Tür und öffnete sie sanft.

Draußen, in dem dunklen Hohlraum vor seiner Tür, dessen frische Luft ihn wie einen Schwall berührte, fand er wieder nur Nichts. Kein Ton, keine Bewegung, nur das Schwarz der leeren Kälte, die ihn bereits aus den Träumen gerissen haben musste.

Er haderte wieder, wartete, zögerte und wusste doch, dass ihn genau das, wie vorher schon, niemals weiter bringen konnte.

Im Dunkel sah er die Spiegelbilder eben der Fratzen, die außerhalb seines Inneren, weitab des verschreckten Geistes, nichts zu suchen hatten. Er wusste, dass er sie rein selber dort malte. Spukgeister seines wimmernden Inneren.

Mehr nicht …

Und obwohl es nichts zu sein schien, so war es ein Alles, dass ihn noch immer im Türeingang gefangen hielt. Aber nicht lange …

Die Prüfungen vorher, das Erwachen, das Erheben und dann sogar das Aufstehen, hatten ihn bereits trainiert, ein kleiner Meister seiner Angst zu werden. So schob er sich in den dunklen Flur dieses Krankenhauses und lauschte erneut. Streckte die Sinne aus. Er fühlte, hörte und lauschte, was er nur konnte und fand doch nur nichts.

Er wusste noch nicht, was er davon halten durfte. Nüchtern und hart realistisch betrachtet, war dies ein NonSens an Nichtigkeiten, die ihn erweckt hatten und blind durch den Gang stiefeln ließen.

Er suchte sich seinen Weg hindurch, erreichte die erste Notbeleuchtung, die fade den Weg vorzeichnete. Unabänderlich ratterten die Funken seines Hirns. Malten Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten, aber kein Ergebnis. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn sich irgendetwas mit leichtem Schluss letztendlich aufgelöst hätte. Es tat es nicht, sondern schickte so gleich die nächste Variable nach, die ihn einfach in dieser Nacht nicht in die gewohnten Bahnen mehr entließ.

Er folgte dem schwachen Licht, erreichte die erste Biegung, wandte sich nach rechts und erreichte noch mit Hoffnung in den Gliedern, das Pflegezimmer. Dort saß immer eine Person, ein Mensch, der in Angstbesetzter Nacht bereit für ein Gespräch gewesen wäre. Ein erster Rettungsanker, der ihn hätte befreien können.

Hätte …

Dabei blieb es dann auch. Denn die Tür war verschlossen und niemand in Sichtweite, mit dessen Hilfe er den Weg in die Realität gefunden hätte. So verharrte er kurz. Atmete ein, aus und wieder ein. Leicht gepresst mit rasselnder Lunge, die ihr letztes Nikotin seid ein paar Stunden bereits vermisste. Es ging wieder etwas. Das sagte er sich laut in Gedanken. Und nur ein kleines bisschen, da wirkte es. Mit Sicherheit war es nicht die Stimme, seine eigene, die ihn beruhigte, viel mehr das Mehr an Licht, das sich hier in seiner Ausbreitung übte.

Hauptsache etwas geschah, dass die Umstände verbesserte. Was es war? Mitnichten wirklich wichtig.

Jetzt stand er also hier. So alleine, wie vorher schon. Einige Schritte weiter als vor Minuten noch. Und doch waren die Umstände unverändert. Nicht kompliziert, nur durch die Windungen des Hirns verdreht, So traf er eine Entscheidung, die alles drehen, nochmals richtig drehen und nüchtern neu formen sollte.

Er ging Richtung Ausgang und wandte sich in den halb beleuchteten Flur. Er ignorierte die breiten Schatten gekonnt, an die seine Ängste sich anschließen wollten. Er wählte die Treppe, nicht den Aufzug. Ein Etwas an Anstrengung, das ablenken sollte. Wenige Minuten später verließ er das Gebäude und atmete die frische Nachtluft ein. Im ersten Moment fröstelte er leicht.

Es war frisch …

Und genau das, war sehr angenehm. Reizte es doch andere Sinne, als die bloßen Ängste. Der routinierte Griff in die Tasche und nur Sekunden später nahm er den ersten Zug des nikotinbeladenen Glimmstengels. Und sogleich verzog sich der letzte Rest der Aufregung von eben noch. Fast da musste er über sich lachen. Wie schreckhaft und voller Panik war er nur gewesen. Jetzt gerade kam dies ihm wie ein Traum vor, aus dem er bereits erwacht war.

Wieviel Uhr es war, konnte er nicht genau sagen. Er schätzte es auf 2/3 Uhr. Die Nacht war im dichten Dunst verwoben, formte Nebel und Abbilder an Fratzen, sofern die Fantasie eben freien Lauf bekam. Er wollte ihr sie nicht geben, es nicht gestatten und doch formte sie Bilder. Er sah Geisterwesen, halb Mensch, halb etwas Anderes, die durch den Nebel wanderten. Und um so mehr er versuchte die Bilder zu verscheuchen, um so mehr bekamen sie Form. Sie wanderten ziellos umher, wie die lebenden Toten. Ohne Form, ohne Ziel, aber mit Umriss und Bestand. Und dann wurde es ihm schlagartig klar.

Egal, wie viel er rauchen würde. Egal, wie viel frische Luft, diese Wesen waren real. Keine Geister seiner Einbildung, nein, sie wanderten wirklich dort entlang.

Und er wusste nicht, was zu tun. Wie, im ersten Moment zu reagieren. Hatte er doch gerade erst sich seinen eigenen Ängsten gestellt und sah sich mit einem Mal solchen Wesen gegenüber.

Sie nahmen keine Notiz von ihm. Nahmen die Welt gar nicht wahr, so schien es …

Sie wanderten, streiften nur im Halblicht des Nebels. Im Zwielicht dunkelster Nacht. Ihrem Reich, als Mischwesen einer Pforte, bar der Vorstellung.

Lies doch mal