Eine Wette

Es war ein stressiger Tag gewesen. 10 Stunden, von denen ich nur acht bezahlt
bekommen werde. Aber das bin ich gewohnt und im Grunde stört es mich auch nicht
mehr. Das einzige was zählt, ist, dass ich endlich Feierabend hatte und das
Wochenende anstand, wo ich so einiges geplant habe. Es würde schön werden und
auch mein wirklicher Lohn, der sich abseits des bloßen Geldes befindet.
Es war alles gleich verlaufen. Die Alarmanlage ließ sich wie immer scharf stellen.
Der Pförtner an der Einfahrt schlief mit gesenktem Kopf vor dem plärrenden
Fernseher, wie immer. Sollte hier mal wirklich jemand einbrechen, so würde sich das
sicher ändern. Aber das war nichts als Fiktion. Wer sollte auch einer Textilfabrik
einbrechen? Und vor allem, was stehlen? Stoffe? Ganz sicher nicht der Glückstreffer,
für den sich so eine Aktion lohnen würde. In meinen Augen war sogar die
Alarmanlage übertrieben. Aber mich fragte ja keiner. Als ich die Einfahrt am
Pförtnerhaus vorbei, verlassen hatte, passierte es. Oder eher, sie passierte.
Eine Schönheit, das musste ich zugeben. Fast überirdisch wirkte sie, wie sie auf der
Bank an der Seite saß. Direkt unter dem prächtigem Blätterdach eines Busches. Ich
wunderte mich noch, warum sie hier mitten in der Nacht saß, als sie mich ansprach.
Und das auf eine Weise, die mein Interesse weckte, so dass ich mich zu ihr gesellte.
„Heute ist Dein Glückstag. Ich habe ein besonderes, einzigartiges Geschenk für
Dich.“ Sagte sie.
Ich hatte noch etwas Zeit, war sowieso schon zu spät dran. Da konnte ich mir auch
anhören, was sie zu sagen hatte. „Ach ja. Und das wäre?“ Fragte ich sie.
„Reichtum, alles Wissen dieser Erde. Unsterblichkeit, Macht und alles, was Du Dir
jemals erträumen könntest.“ Fuhr sie fort.
„Und das alles bietest Du mir an? Warum? Und vor allem, was ist der Preis dafür?“
Hakte ich nach.
„Du wirst sterben, ich werde Dich töten und dann wirst Du Dich wieder erheben. Als
Untoter, dem sich alles zu Füßen legt. Alles was Du jemals haben willst, kannst Du
Dir dann nehmen.“
Ich sagte erst nichts, musterte sie einen Augenblick. „Du sprichst von Vampiren? Es
ist schwer, diesem Mythos in dieser Zeit aus dem Weg zu gehen.“
Sie nickte und lächelte, ließ dabei die Eckzähne unter den roten Lippen blitzen.
„Aber warum ich?“ Fragte ich.
Sie blickte mich erstaunt an. „Das Schicksal will es so, sonst hätte sich dieser
Moment nicht ergeben. Und Du gefällst mir. Braucht es für so ein Angebot wirklich
einen Grund?“
Ich überlegte einen Moment. Sie deutete es als ja, beugte sich zu mir und hauchte
mir einen Kuss auf den Nacken. Ich ließ es zu. Stellte mir sogar vor wie es wäre, so
mächtig zu sein. Aber ein anderes Bild schob sich in meinen Verstand und ich
rutschte ruckartig von ihr weg. Vollkommen erstaunt, musterte sie mich nun.
„Wenn ich es nicht will. Wirst Du es dann nicht tun?“ Fragte ich sie.
Sie nickte und sah mich nur an.
„Ich habe ein Leben, dass ich unter keine Umständen aufgeben werde. Für nichts und
niemanden. Mein Sohn und meine Tochter warten zu Hause. Schon viel zu lange
waren wir wieder getrennt. Ich weiss nicht, ob du das verstehen kannst. Aber ich
muss gehen. Zu ihnen und sonst niemanden.“
Der junge Mann wartete ihre Antwort nicht ab, sondern stand auf und ging einfach.
Weiter in den Park hinein, auf dem Weg zu seiner Familie.

Die Vampirin musste lachen. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich beruhigt hatte.
Neben der Bank aus dem Busch trat ein anderer Mann. Nicht jung, doch auch nicht
alt. Er schien zeitlos zu sein. „Ich habe es Dir doch gesagt. Nicht jeder Mensch will
dieses Geschenk. Viele sind zufrieden mit dem, was sie haben.“ Sagte er.
„Ich hätte es nicht geglaubt. Wirklich nicht.“ Antwortete sie, stand von der Bank auf
und fiel ihm um den Hals. Ein Kuss, der die Zeit verlangsamte und den Moment
unbezahlbar machte. Dann löste sie sich von ihm.
„Aber das war auch nicht fair. Er war noch so jung. … Ich will eine Wette.“ Sagte sie
mit einem Lächeln und blitzenden Augen.
„Eine Wette?“ Fragte er.
„Ja. … Er wird dieses Geschenk annehmen. … Bevor er stirbt. Gib mir ein paar Jahre.
Aber ich werde gewinnen. Verlass Dich drauf. Irgendwann wird er es wollen, darum
betteln.“
„Einverstanden. Eine Wette.“ Sagte der Mann, mittlerweile mit übernatürlichem
Glanz in den Augen. Sie reichten sich die Hände zum Abschluss des Handels und
verschwanden in der Dunkelheit.

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