Die Zeit – Unser wertvollstes Gut

Zeit, wir haben Sie nie und doch besitzen wir, wenn auch begrenzt, so einiges davon. Wir rennen, scheuchen und drängeln, in der Hoffnung nur Sekunden zu sparen. Dabei vergessen wir die einzelnen Momente, die Sekunden und Minuten, die das Ganze erst ergeben. Durch unsere eigene Hetze ziehen sie vorbei, ungenutzt, unbemerkt und nicht richtig wahrgenommen. Die Zeit zieht vorbei und mit Angst bemerken wir, wie sie uns zwischen den Fingern hindurchgleitet.

Keine Zeit

Ich habe eine kleine Anekdote aus meinem Alltag für Sie. Ich arbeite im Einzelhandel, wer das noch nicht weiss. Nun, ich war mal wieder dran, in der Frühschicht den Laden zu schmeißen. Um sechs Uhr aufgeschlagen, die Meldungen vom Vortag angeguckt, die nötigen Mails rausgeschickt. Dann an das Brot gemacht, das gepackt werden muss, als nächstes das Fleisch in die Theke gehauen. Dann kam auch schon die erste Kassiererin und wir machten den Laden auf, damit die, die es mal wieder nicht erwarten konnten und schon um sieben vor der Tür standen, reinschneien konnten. Als Erste ihre Brötchen holen konnten, die Pfandflaschen in den Automaten schmeißen oder was man auch immer um sieben Uhr Morgens in einem Discounter so macht.

Als nächstes nahm ich mir dann das Obst und Gemüse vor. Wild am Packen, die Kisten flogen leer auf den Rolli und voll im Fieber, wurde ich von einer Frau mitleren Alters, die mit ihren Stöckelschuhen über den Boden fegte wie eine herannahende Garnison, unterbrochen. Die Haut schwitzend, die Augen in Hetze und unruhig hin und her blickend, der Atem keuchend, unterbrach sie mich in meiner Arbeitswut. Ich, natürlich nicht erfreut über diese Störung, habe ich doch selber meinen straff gespannten Zeitplan, wendete den Blick von der Obst und Gemüse Theke weg und blickte sie an. Ein etwas angespanntes aber nicht unfreundliches „Ja, bitte“ bekam ich über die Lippen. „Haben Sie schon Paprika auf dem Rolli?“ Ihre Frage. Ich, wie auch sie konnte mit Leichtigkeit sehen, dass es nicht da drauf war. Ich fragte: „Haben Sie einen Moment Zeit? Das ist sicher auf den Rollis und dann packe ich das auch gleich.“ Ein Stirnrunzeln bildete sich bei ihr. „Zeit habe ich nicht.“ Ich verdrehte innerlich die Augen, ließ mir aber nichts anmerken. Natürlich hatte sie keine Zeit. Die haben die Kunden nie und sie wollen auch immer das, was auf dem hintersten Rolli ganz unten ist,so dass man alles abpacken muss, um nur eine Kleinigkeit rauszuholen. Ich machte mich also auf den Weg in das Lager, mit zusammengebissenen Zähnen, Kundenfreundlichkeit ist nun mal oberstes Gebot, mit den besten Erwartungen einen ganzen Rolli zu durchwühlen. „Rote Spitzpaprika, ja?“ Schickte sie mir hinterher. „Ich gucke“, schickte ich diesmal kürzer zurück. Ich hatte Glück, die Kiste stand ganz oben auf einem Rolli. Zurück in den Laden, die Kundin gesucht, die schon in der Frischetheke weitersuchte, die Absätze hämmerten auf den Boden. Ich gab ihr die Packung, ein kleines Danke gab sie mir zurück. Dann schweifte sie weiter. Ich machte mich weiter an die Rollis. Die Frau umtrieb noch einmal die Obsttheke und ich biß mir die Zähne zusammen, konnte aber den Mund nicht halten. „Ich wette mit ihnen, dass Sie noch wenigstens 40 Jahre Zeit haben,“ sagte ich, mit einem Lächeln begleitet, um das nicht als Kritik rüberkommen zu lassen. Sie blickte mich erst in Abwehrhaltung an, der Mund öffnete sich spitz, dann schien es angekommen zu sein, was ich sagen wollte und sie lächelte und sagte: „Ja, das stimmt.“ Sie konterte noch: „Aber mein Arbeitgeber nicht.“ Dann lächelte sie und ich auch. Und ich bilde mir ein, dass sich der Takt der hämmernden Stöckelschuhe auf dem Weg zur Kasse verlangsamt hat. Und auch ich packte etwas entspannter ohne unnötige Hetze weiter.

Wir Menschen sind wirklich schlimme Individuen. Von der Hetze angetrieben, den sich bewegenden Zeigern einer Uhr, versuchen wir Sekunden zu sparen, wo es auch immer geht. Aber was machen wir mit der gewonnenen Zeit? Wofür nutzen wir sie? Für Anderes, dass wir einschieben können und das noch schneller machen müssen, da es eigentlich zu viel wäre. Aber durch gesparte Zeit können wir Land gut machen für noch mehr Zeit. Zeit, die wir aber nicht haben. Wir rennen und stampfen, huschen, durch das Leben, durch die Strassen, die Bahnen und Wege. Für einen Blick herum haben wir keine Zeit, wir sehen nur das Ziel und das Potential ,einzusparen. Pläne, Vorgaben geben wir uns, die eingehalten werden müssen. Kommt der Faktor Leben dazwischen, der immer etwas Unvoraussehbares mitgibt, so scheitern wir und sind verwundert. Das Ergebnis? Noch mehr Hetze, da wir den Faktor, der den Plan stört, wieder ausgleichen müssen. Zeit ist Geld, das wissen wir, so werden wir erzogen, das erleben und leben wir jede Sekunde.

Eine Lebenszeit

Ok, lassen Sie uns eine kleine Rechnung machen. Des Spaßeshalber und weil Zahlen meist besser verdeutlichen als Worte.

Nehmen wir uns einfach mal als Lebenszeit hundert Jahre. Die Rennerei geht, sagen wir erst später los, niemand wird geboren mit dem Gedanken der Zeitersparnis. Nehmen wir als Pauschal Einstiegsalter einfach das 20igste Lebensjahr. Dann bleiben uns also 80 Jahre zum Rennen. Nun, spätestens mit 70 wird es auch wieder aufhören. Das heißt, im Endeffekt bleiben uns nur noch 50 Jahre um so richtig produktiv zu sein, die Zeit zu Geld zu machen, die wir besitzen. 50 Jahre a 365 Tage, a 24 Stunden, a jeweils 60 Minuten und jeweils 60 Sekunden. Das Ergebnis?

Wir besitzen in unserer produktivsten Zeit:

18250 Tage

438000 Stunden

26.280.000 Minuten

1.576.800.000 Sekunden

Zeit ist also Geld?

Wie wäre es mit einem Ein Euro Jobber? 438.000 Euro an Lohn für 50 Jahre Arbeit? Ach, warten Sie. Die gehen ja gar nicht ganz. Wir müssen jeweils noch 6 Stunden abziehen, für den Schlaf als Minimum, hinzu kommt noch der Sonntag, wenigstens ein freier Tag, ziehen wir eine Pauschale von 50 Tagen für ein Jahr ab, für den freien Tag und rechnen anstatt der 24 Stunden mit nur 18 Stunden, sieht die Liste etwas anders aus.

15750 Tage (als Zeitraum)

283.500 Stunden (als reine Stunden der Arbeit ohne Schlaf)

17.010.000 Minuten

1.020.600.000 Sekunden

Sieht schon weniger aus?

Ok, machen wir weiter, ich habe das angefangen, so kann ich der Klarheit halber nicht mittendrin aufhören.

Die Wenigsten arbeiten 18 Stunden am Tag, wage ich zu behaupten. Eher um die 8 Stunden, mancher mehr als zehn, vlcht 12, also nehmen wir als Richtwert einfach die zehn Stunden.

Dann wird die Liste noch was kleiner, wo Sie den Mythos Zeit ist Geld aufrecht erhalten können:

157.500 Stunden

9.450.000 Minuten

567.000.000 Sekunden

Der normale Mensch verdient mit einem guten Einkommen sagen wir einfach mal 15 Euro, obwohl das schon hoch angesetzt ist. Aber wir arbeiten hier mir Richtwerten.

Das heißt wir bekämen für 50 Jahre Arbeit 2.362.500 Euro Lohn. Hört sich ja gut an, ein kleiner Millionär? Leider eher nicht, oder? Miete, Strom, Lebenshaltungskosten. Nehmen wir dafür eine Pauschale von 400 Euro Miete, 80 Euro Strom und Lebenshaltungskosten von ca. 350 Euro. Alles so gering wie möglich gehalten, damit Sie es verstehen. Pauschale pro Monat von 830 Euro. Runden wir auf 900 auf, es kämen noch Handy, Telefon und was noch so an Kosten rumspringen. Das heißt auf ein Jahr, 10800, auf die 50 Jahre 540.000 Euro an Minimum Kosten.

2.362.500 abzüglich der 540.000 sind 1.822.500.

Nun, 1 Millionen 822 Tausend und 500 Euro als Lohn für 50 Jahre rennen? In Wirklichkeit geringer, rechne das jeder mal für sich persönlich durch. Erstens sind die Kosten höher, keiner lebt immer auf Minimum, die Miete z.B., zweitens verdient nicht jeder seine 15 Euro, denn wir haben hier ja natürlich Netto genommen, ziehen Sie mal Steuern ab, von den 2.362.500, dann sind es ganz sicher nur noch 1.180.250, abzüglich der 540.000, bleiben noch 640.250 Euro.

640.250 Euro? Im fast Ideal Fall? Und dafür rennen wir? Dafür knien wir uns so rein? Nach 50 Jahren der Arbeit hat man nur 640.250 Euro verdient?

Zeit ist Geld. Ganz sicher. Aber wieviel es nach getaner Arbeit wirklich ist, ist doch lachhaft?

Zeit ist Geld

Wir schieben diesen Satz vor, wie als kleine Entschuldigung. Als Erklärung für die Hetze. Ich habe keine Zeit, das ist so fest bei uns verankert, liegt uns auf der Zunge, wie im Repertoire von Danke und Bitte, wenn denn dafür Zeit ist. Und wofür? Wir treiben uns an, scheuchen und selber, aber wissen wir wirklich wofür wir das machen? Für das Geld nicht, denn was übrigbleibt nach so einem Zeitraum, das ist ein Witz, ein Taschengeld in Anbetracht der geopferten Zeit. Die ja an für sich unser wertvollstes Gut ist. 876.000 Stunden besitzen wir in einem 100 Jahre langen Leben. 157.000 Stunden opfern wir im Schnitt für die Arbeit, auf meine Rechnung beziehend. Die Meisten fangen früher an, fast alle arbeiten länger, dann wäre auch die Stundenzahl unterschiedlich. Wenn Sie mögen, rechnen Sie es sich aus. Der Weg zur Arbeit mit eingeplant, das Aufstehen, Frisch machen dafür, der NachHauseweg? Wir Arbeiten um zu Leben, oder Leben um zu Arbeiten? Aber das wird noch ein Anderer Artikel, demnächst mal.

Die Zeit verpulvern wir, wo wir nur können. Dabei wenden wir sie falsch an, kann man so sagen. Eine Hetze zur Arbeit, kann ein paar Minuten länger dauern, dafür führt man vielleicht noch ein Gespräch, nimmt ein paar Emotionen mit, lernt jemanden kennen, gewinnt Eindrücke. Vielleicht scheint auch die Sonne? Nimmt man es bewusst war, kann es Einen auch innerlich erhellen. Der Baum auf Ihrer Strasse, wenn Sie Ihre Wohnung verlassen, wie sieht er aus? Führt er gerade Blätter? Welche Farbe? Ein kräftiges grün, oder eher ein braun, des beginnenden Winters? Die Blumenhecke an der Ecke, wie riecht sie? Haben Sie sie schon mal bewusst gerochen, oder sind Sie nur in der Hetze vorbeigezogen? Die Welt ist viel mehr als Rennen und Trubel. Die Natur ist noch da, die Umwelt, andere Menschen, die Sie durch den Trubel unter Umständen nie zu Gesicht bekommen. Und dann verpassen Sie was. Sie fahren demnächst in den Urlaub, da werden Sie sich entspannen? Wenn Sie es nicht im Alltag können, werden Sie es auch da nicht hinbekommen. Sie werden besichtigen und besuchen, Aufgabe um Aufgabe sich suchen, da Sie es nicht ertragen können, einfach mal nichts zu tun und zu genießen. Sie haben nur ein Leben und auch wenn Sie alles gesehen haben, alles erlebt haben, muss dem nicht so sein. Hat man es nicht bewusst wahrgenommen, in sich aufgenommen, ein Stück weit auch innerlich berührt, die Seele daran teilhaben lassen, dann hätten Sie es auch im Fernsehen sehen können, über die Kameras im Web. Das Geld für die Reise hätten Sie sich sparen können. 100 Jahre abgerissen, aber außer der Kindheit nie gelebt, nie wirklich gesehen und wahrgenommen? Ich wünsche Ihnen, dass es nicht so laufen wird. Sie haben die Zeit, also nehmen Sie sich ab und zu mal für die kleinen Dinge, die wirklich Zählen und mehr wert sind, als eine bloße Währung.

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