Der beschämte Blick – Die Schwäche Anderer

Ich war vor kurzem einkaufen. Unglaublich, aber wahr. Auf dem Weg zur Arbeit kurz in den Laden um mir meinen nötigen Koffeinschub zu holen. Ja, ich bin auch ein Koffeinjunkie. Nur trinke ich ihn nicht heiss, sondern die fertige Version aus der Kühlung. Geht es doch schneller und ich muss nicht warten, bis der Kaffee kalt ist.

Ich marschierte also schnurstracks zur Kühlung, nahm meinen Kaffe und ab zur Kasse. In Gedanken war ich schon auf der Arbeit, ging durch, was heute Besonderes anstand.

Als die Kasse in mein Blickfeld kam, sah ich schon die Schlange.

Natürlich ärgerte ich mich. Verplemperte Zeit, wie ich dachte. Konnte ich am Piepsen der Kasse doch schon hören, dass ein nicht gerade flinker Kassierer da saß. “Wunderbar,” dachte ich mir nur. Genervt stellte ich mich also an.

Dann fiel mein Blick auf den Kassierer und ich wurde stutzig. An der Kasse saß ein leicht Behinderter. (Nicht beschimpfend gebraucht, sondern im wahren Sinne des Wortes.)

Er hatte offensichtlich leichte Probleme mit den Bewegungen seiner Hände, Arme und auch seine Sprachweise, Ausdrucksweise ließ darauf schließen. Aber er gab sich alle Mühe und unter seinen Umständen, war er sicher schneller als die Meisten von uns Gesunden.

Ich beobachtete ihn also. Während ich mir überlegte, warum so ein Kassierer an die Kasse gesetzt wurde, fielen mir auch die anderen Kunden auf.

Sie waren ruhig. Für Sie mag das nichst Besonderes sein, für mich, der ich selber im Einzelhandel tätig bin, schon.

So bald auch nur fünf Leute an der Kasse stehen, geht das Gerufe über eine weitere Kasse los. Gibt man dem nicht nach, wird gemeckert und personenabhängig nicht an Ausdrücken gegeizt.

Aber hier war nichts davon zu sehen. Kein Unmut, eher Stille. Der Kassierer wurde beobachtet. Kundenanfragen kamen in ruhigem, versucht einfühlsamen Ton. Der Kassierer beantwortete sie geflissentlich und, wie ich zugeben muss, auch professionell. Er hatte also wirklich Ahnung von dem, was er tat.

Ein weiterer Punkt fiel mir auf. Die Kunden, die anstanden, so wie die, die an der Reihe waren, blickten zwar den Kassierer an, aber schauten weg, so bald er sie ansah. Waren sie an der Reihe, so bemühten sie sich um Professionalität. Das gekonnte Spielen, man wolle sich nichts anmerken lassen. Die Kunden verließen ausnahmslos befriedigt die Kasse.

Als ich selber dran war, verhielt es sich nicht anders. Ich verließ den Laden also und machte mich weiter auf den Weg zur Arbeit. Auf dem Weg machte ich mir meine Gedanken.

Die Erklärung, warum die Leute zufrieden waren, obwohl sie anstehen mussten?

Sie fühlten sich überlegen und in ihren natürlichen Stärken bestätigt. Dort an der Kasse saß ein Individuum, dass augenscheinlich Probleme hatte, die man selber nicht hatte. Mehrere Male sah ich, wie ein Kunde eine besserwisserische Antwort zum Besten gab, die den Kassierer aber nicht störten. Hier durfte der Kunde triumphieren, ohne dass er was dafür leisten musste. Und so etwas gibt dem Ego einen Schub. Ich würde lügen, wenn ich es nicht selber auch gefühlt hätte.

Dazu fällt mir ein Spruch aus meinen Kindheitstagen ein, die Quelle weiss ich leider nicht mehr:

Unter den Blinden ist der Einäugige König.

Genau das Motto war hier zu finden. Die Kunden maßen sich selber an was, was nicht wirklich ein Gegner sein konnte. Dabei Gewinnen kann jeder.

Diese Situation gab mir schon zu denken. Sind wir Menschen wirlklich so derart egoistisch? Viele bestimmt, aber hoffentlich nicht alle.

Mitleid hatte ich mit dem Kassierer nicht. Denn er durchschaute das Spiel nicht. Er war einfach nur freundlich und zuvorkommend. Dass das aber ausgenutzt wurde um das eigene Ego zu polieren, das wird er hoffentlich nie begreifen.

Beobachten Sie sich einfach mal selber, wenn Sie wissen, dass sie gerade in Kontakt mit einer gehandicapten Person sind. Einer Person, bei der sie wissen, dass sie haushoch überlegen sind. Sollten meine Beobachtungen auch bei Ihnen zutreffen, dann versuchen Sie dem doch bewusst entgegenzuwirken, wenn sie es können.

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