Die Macht der Masse

Eine Masse, das sind Ichs und Dus, die in hoher Zahl ein Wir ergeben. Mehrere Individuen die zusammen das Ich Gefühl ablegen und zu einer Masse werden. Einer Idee, einem Ideal verschrieben, das alleine als Banner getragen, die Individuen wieder unnötig macht. Zusammen ergibt das eine ungehörige Kraft und Macht, die umwälzen und wieder bewegen kann. Andere werden assimiliert und die Masse wächst unabänderlich weiter bis sie gar nicht mehr übersehen werden kann und ihr Einfluss von gravierender Größe ist. Jetzt kommt es auf die Idee an und man kann den Nutzen als auch Sinn abwägen. Denn mit ihr beginnt es. Sie ist es, die wie ein Funke gleich die Individuen angezogen und gefesselt hat, bis diese wiederum lebende Mechanismen eben jener Idee wurden.

Eine Idee kann vernichten und gebären. Zu Anfang ist sie rein und nichts als ein Funke. Ein Mensch nimmt sich diesen Funken und gibt ihm Leben. In dem er sich mit ihm verbindet und Möglichkeit als auch Potential in Visionen und Träumen sieht. Dieser Mensch gebiert etwas Neues, noch Unmögliches, etwas Hohes und fast Unerreichbares, wie ein Ideal. Er gibt diese Idee weiter und der nächste Mensch wird angesteckt. Er sieht ebenso dieses Ideal, aber er füllt es selber mit Visionen und Träumen, die dadurch erfüllt werden kann. Einem Virus gleich springt die Idee weiter und schürt das Feuer in immer mehr Menschen, bis diese ebenso ihr folgen. Ein jeder mit subjektiver Deutung von Nutzen und Sinn und doch verbindet sie alle diese Idee, die jeden unter ihr gleich macht. Für das Erfüllen eben jener Idee werden sie alles tun. Und in der Masse sind sie noch stärker, einer Lawine gleich werden sie wirken und sich doch nicht auflösen. Denn die Idee, der Funke zu Anfang, er bindet sie. Er gleicht Unterschiede aus, löst Geschlechter auf und hat für Vorurteile keinen Platz. Die Masse existiert und atmet und kein Eindringling kann über sie triumphieren. Sie haben ihren Individualismus für den Glauben an eine Idee geopfert. Und die ganze Idee, das Ideal und der Funke müssten vernichtet werden, damit die Masse wieder zerfällt. Ein simpler Zweifel reicht da nicht. Er wird übersehen, überhört und ignoriert, denn dafür ist kein Platz mehr. Es gibt keinen Anführer und keinen Schafhirten, die Masse weiß selber was gut für sie ist.

In der Masse fühlen Menschen sich wohl. Sie nimmt die Last der freien Entscheidung und zieht magisch an, was scheinbar verloren durch die Gassen zieht. Ich zitiere aus „Masse und Macht“ von Elias Canetti (S.14-15): „Eine ebenso rätselhafte wie universale Erscheinung ist die Masse, die plötzlich da ist, wo vorher nichts war. Einige wenige Leute mögen beisammen gestanden haben, fünf oder zehn oder zwölf, nicht mehr. Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden. Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. Von allen Seiten strömen andere zu, es ist als hätten Straßen nur eine Richtung. Viele wissen nicht, was geschehen ist, sie haben auf Fragen nichts zu sagen; doch haben sie es eilig, dort zu sein, wo die meisten sind. Es ist eine Entschlossenheit in ihrer Bewegung, die sich vom Ausdruck gewöhnlicher Neugier sehr wohl unterscheidet. Die Bewegung der einen, meint man, teilt sich den anderen mit, aber das allein ist es nicht: sie haben ein Ziel. Es ist da, bevor sie Worte dafür gefunden haben: das Ziel ist das schwärzeste – der Ort, wo die meisten Menschen beisammen sind. Es wird manches über diese extreme Form der spontanen Masse zu sagen sein. Sie ist dort, wo sie entsteht, in ihrem eigentlichen Kern, nicht so spontan, wie es den Anschein hat. Aber überall sonst, wenn man von den fünf oder zehn oder zwölf Leuten absieht, von denen sie ihren Ausgang nahm, ist sie es wirklich. Sobald sie besteht, will sie aus mehr bestehen. Der Drang zu wachsen ist die erste und oberste Eigenschaft der Masse. Sie will jeden erfassen, der ihr erreichbar ist. Wer immer wie ein Mensch gestaltet ist, kann zu ihr stoßen.

Wir Menschen sind Individualisten. Und doch sind wir auch soziale Wesen, die in einer Gesellschaft leben. Wir sind es gewohnt uns an Dinge zu halten, weil man es ebenso macht, haben gelernt blind zu folgen, wenn eine Autorität mit uns spricht. Und doch, da suchen wir die Masse. Denn in ihr ist man sicher, man ist beschützt und behütet. Sicher, wie in Mutter Schoß, kann man sagen. Aber das gefährliche an einer Masse ist, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist, wenn sie einmal besteht und sich im wilden Eifer einer Idee verschrieben hat und diese unter allen Umständen umsetzen will. Wir kennen das aus der Geschichte, unserer Vergangenheit. Nicht immer muss es im Krieg enden, mit Mord und Totschlag. Aber ich persönlich mache immer einen Bogen um Massen und Bewegungen irgendwelcher Art. Zu Anfang ist eine Intention immer rein, aber der Mensch missbraucht viel zu schnell und vergisst ein Ideal dann wieder, dem er sich mal verschrieben hatte.

Mir persönlich sind Individualisten lieber, die einen eigenen Weg gehen, den eben nicht die Masse geht. Denn dort ist Neues zu finden. Anderes, das die Masse sonst nie kennen lernen würde. Und die Last der Freiheit bedeutet nun mal, dass man seine Entscheidungen auch frei und ohne Einfluss trifft und nicht in Rücksicht auf eine Masse eigene Sichten anpasst. Mit Sicherheit kann eine Masse auch Gutes bewegen, das steht außer Frage. Aber sie bedeutet auch, das Ich teilweise abzulegen, das Selbst was Einen ausmacht und zu einem grauen Gesicht in einer breiten Masse zu werden. Manche Idee wäre es vielleicht wert, wer weiß das schon, das entscheidet am Ende jeder Mensch für sich alleine.

Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge seinem Gewissen, welches ihm zuruft: „sei du selbst! Das bist du alles nicht, was du jetzt tust, meinst, begehrst.“
Friedrich Nietzsche, Werke I – Unzeitgemäße Betrachtungen

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