Die fehlerhafte Wahrnehmung

Wir sehen was wir wollen und selten das, was wir sollen. Die Welt, unsere Sichtweise der Dinge hängt immer von den subjektiven Eindrücken ab. In dem Moment, wo wir was erblicken, deuten wir bereits und verbinden es mit Dingen, die in unserer Erinnerung liegen. Gefühle und die unbewussten Wünsche was wir zu sehen erhoffen trüben unseren objektiven Blick. So betrachten wir neue Dinge selten neutral, sondern bewerten es nach unseren Erfahrungen. Teils bewusst als auch unbewusst.

Ich zitiere aus „Wer bin ich“ von Richard David Precht (S.92):“Unsere Wahrnehmung ist voll von Eindrücken, derer wir uns gar nicht bewusst sind. Denn unsere Aufmerksamkeit kann sich nur auf einen Bruchteil dessen richten, was wir tatsächlich sehen, hören oder fühlen. Der Rest wandert ins Unterbewusstsein. Manches davon wird quasi heimlich gespeichert, anderes nicht, ohne dass wir dies kontrollieren können. Wir nehmen gezielt das wahr, was unserer aktuellen Aufgabe, unserem Ziel oder unseren Bedürfnissen entspricht.[…] Ist unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache konzentriert, kümmert sich unser Gehirn oft gar nicht um andere Dinge, selbst wenn sie mitunter völlig abstrus sind und uns eigentlich auffallen müssten.“

(S.27)“Das Erkenntnisvermögen des menschlichen Geistes, wie Schopenhauer und Nietzsche vorausahnten, steht in einer direkten Abhängigkeit zu den Erfordernissen der evolutionären Anpassung. Der Mensch vermag nur das zu erkennen, was der im Konkurrenzkampf der Evolution entstandene Erkenntnisapparat ihm an Erkenntnisfähigkeit gestattet. Wie jedes Tier, so modelliert der Mensch sich die Welt danach, was seine Sinne und sein Bewusstsein ihm an Einsichten erlauben. Denn eines ist klar: All unser Erkennen hängt zunächst einmal von unseren Sinnen ab. Was wir nicht hören, nicht sehen, nicht fühlen, nicht schmecken und nicht ertasten können, das nehmen wir auch nicht wahr, und es kommt in unserer Welt nicht vor. Selbst die abstraktesten Dinge müssen wir als Zeichen lesen oder sehen können, um sie uns vorstellen zu können. Für eine völlig objektive Weltsicht bräuchte der Mensch einen wahrhaft übermenschlichen Sinnesapparat, der das ganze Spektrum möglicher Sinneswahrnehmungen ausschöpft;[…] Doch all das können Menschen nicht, und eine umfassende objektive Sicht der Dinge kann es deshalb auch nicht geben. Unsere Welt ist niemals die Welt, wie sie an sich ist, ebenso wenig wie jene von Hund und Katze, Vogel oder Käfer.“

Einerseits sind wir von der Evolution auf das Überleben gepolte Wesen, die nur das aufnehmen, was von vorrangiger Bedeutung für unser Überleben und das Wohlgefühl von Nutzen ist. Wir sind wie die Tiere von Trieben beherrschte Wesen. Auf der anderen Seite aber besitzen wir einen Geist, dessen objektive Wahrnehmung getrübt ist, um es gelinde auszudrücken. Wie blind können wir nicht alles sehen, sondern sind die Opfer unseres Gehirnes, unserer Beschaffenheit aus Bewusstsein und Unterbewusstsein. In diesen Blickwinkeln betrachtet, erkennt man keine Freiheit und keinen freien Geist, sondern nur die Opfer von Umständen. Sicher, die Kunst alleine entsteht immer aus subjektiver Wahrnehmung und der Macht der Gefühle. Und diese hebt uns von der reinen Gattung der weiterentwickelten Tiere wieder ab. Und dann wäre da noch die Seele. Undefiniert und nicht erklärt von der Wissenschaft. Aber auch das hängt wieder von der Beschaffenheit des eigenen Glaubens und Erziehung ab, ob man ihre Existenz bewahrheitet.

Wir menschliche Wesen besitzen eine filternde und wertende Wahrnehmung der wir nicht entfliehen können. Und dennoch können wir im Geist Höheflüge anstellen, die weit über den Sinn reiner Evolution gehen. Nehmen wir die Psychologie und auch die Philosophie, die sich Themen widmet, die einen Sinn suchen, definieren und verstehen wollen, was uns wirklich ausmacht. Die Weiterentwicklung des Geistes, des Verstandes über den alltäglichen Nutzen hinaus, ist genau das, was uns von den Tieren unterscheidet und vielleicht auch abhebt. Wir folgen nicht einfach irgendwelchen Trieben, sondern versuchen sie zu verstehen und vielleicht auch zu besiegen. Der Forschersinn liegt im Blut unserer Gattung. Die Neugier nach dem Unbekannten auch wenn wir es vielleicht gar nicht sehen oder erfassen können (noch nicht vielleicht). Wir sind verlorene Wesen, die mitunter stark als auch schwächer nach ihrem eigenen Sinn suchen. Ein Jeder auf seine eigene Weise und wiederum ganz individuell. Vielleicht ist das auch der Fluch eines Geistes, dessen wahren Nutzen wir noch gar nicht kennen?

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